Perfektes Fliegenwerfen

Anleitung zum „perfekten Fliegenwurf“

Im Folgenden versuche ich den perfekten Wurf mit der Fliegenrute zu beschreiben. Viele dieser Gedanken sind in den Film Perfektes Fliegenwerfen eingeflossen.

Vorwort

Auch heute noch wird der Fliegenwurf oft aus der Sicht der Wurfstile vermittelt. „Fasse die Fliegenrute so an, führe diese oder jene Bewegung aus, usw.“. Doch Ziel dieser teilweise stark auseinander liegenden Erklärung ist immer das selbe: Der Fliegenfischer soll mit möglichst wenig Aufwand die Fliegenschnur sauber auszuwerfen lernen.

Wenn ich zurückdenke an meine ersten Wurfversuche, die ich mir selber beibrachte, so waren diese von vielen Wurffehlern geprägt. Ich glaube, dass ich mir so jeden möglichen Wurffehler antrainiert hatte. Und leider halfen auch damals ab Mitte der 1980er Jahre die diversen Wurfkurse nicht wirklich weiter. Viele der selbsternannten Fliegenfischerlehrer waren selber schlichtweg überfordert, dem Schüler die Zusammenhänge des Fliegenwerfens zu erklären.

Erst als ich in Berlin zusammen mit anderen Fliegenfischern regelmäßig auf der Wiese und am Wasser trainierte und dabei auch über die Gründe gesprochen wurde, warum der Fliegenwurf so und nicht anders erfolgen sollte, verbesserten sich sowohl mein Verständnis für die Wurfmechanik als auch meine Wurfleistungen.

Physikalische Betrachtungsweise des Fliegenwurfs

Auch für den Fliegenwurf gelten die physikalischen Gesetze der Wurfmechanik. Die Schnur als Wurfgegenstand wird mit einem flexiblen Hebel als Wurfgerät in eine Richtung befördert, wobei der Bewegungsablauf so zu wählen ist, dass dieser flexible Hebel die Schnur in der Form ausbringt, wie es der Werfer will.

Im Grunde beschreibt der vorangehende Satz in einfacher Weise den Fliegenwurf. Damit der Werfer die Schnur in der Form ausbringt, wie er es will, muss er zuerst eine entscheidende Fähigkeit erwerben: die Kontrolle über den Wurf ! Den Wurf so kontrollieren zu können, dass sich die Schnur verhält wie es der Werfer will, ist eine wesentliche Voraussetzung für einen optimalen Fliegenwurf. Besitzt der Werfer diese Fähigkeit, kommt die andere, wesentliche Voraussetzung meist von alleine hinzu: die Minimierung des Krafteinsatzes. Wird über die gewonnen Kontrolle des Wurfes hinaus noch der Kraftaufwand auf das unbedingt erforderliche Maß reduziert, ist der Wurf optimal.

Um diese Voraussetzungen besser darstellen zu können, ist das Aufzeigen der physikalischen Zusammenhänge des Fliegenwurfes aus meiner Sicht von großem Vorteil. Es wird ein tieferes Verständnis beim Werfer angelegt, wodurch er dem Ziel eines kontrollierten, kraftminimierten Wurfes schneller näher kommen kann. Die Physik ist unbestechlich und befreit den Fliegenwurf von der Oberflächlichkeit oder gar Irrtümern mancher Lehren.

Geometrische und dynamische Eigenschaften des Fliegenwurfes

Wie bei jeder anderen Wurfsportart auch gibt es beim Fliegenwurf zwei physikalische Größen, die der Werfer beeinflussen kann. Es sind:

  1. der Geschwindigkeitsverlauf des Wurfes (dynamischer Anteil) und
  2. der Arbeitsweg, „Wurfweg“ (geometrischer Anteil).

Der optimale Geschwindigkeitsverlauf ist bei allen Wurfsportarten bis zum Abwurf zunehmend. Zu Beginn des Wurfes ist die Geschwindigkeit null, über den Wurfweg wird diese gesteigert (beschleunigt) und erreicht zum Ende hin ihren größten Wert. Bis zum Zeitpunkt des Abwurfes besitzen das Wurfgerät und der Wurfgegenstand die selbe Geschwindigkeit (1) , anschließend wird die Geschwindigkeit des Wurfgerätes vermindert, gebremst oder gestoppt und der Wurfgegenstand entfernt sich. Beim Fliegenwerfen beginnt sich die Fliegenschnur zu entfernen, indem sie die Rutenspitze überholt und sich die Schlaufe beginnt auszubilden.

Der optimale Weg, auf welchem der Wurfgegenstand beschleunigt wird, beschreibt eine gerade Bahn (2). Diese hat den großen Vorteil, dass sich der Wurfgegenstand zielgerichtet beschleunigen kann. Beim Fliegenwerfen ist das nicht anders. Da letztendlich die Rutenspitze die Schnur als Wurfgegenstand wirft, muss diese auf einer möglichst geraden Bahn geführt werden. Und das sowohl von der Seite, als auch aus der Vogelperspektive betrachtet.

Die Rutenladung

Die Biegung unserer Rute, dieses flexiblen Hebels, ist gleichzeitig ein Maß für Ihre Ladung (3). Der Wurf als Zusammenspiel von Arbeitsweg und Geschwindigkeitsverlauf sollte das Ziel haben, die Ladung der Rute kontinuierlich zu steigern. Beim Stopp sollte die Rute die größte Ladung besitzen.

Die Ladung wird aufgebaut, indem einerseits die Masse der Fliegenrute in Bewegung gesetzt wird und andererseits die Rutenspitze an der Masse der Schnur zieht (4). Die Ladung wird durch eine kontinuierliche Beschleunigungszunahme der Rutenspitze gesteigert ! Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Ladung der Rute bei gleichbleibender Beschleunigung nicht mehr gesteigert wird, der Weg leistet dann keinen weiteren Beitrag zum Aufbau der Ladung. Jeder Weg, der nicht der Steigerung der Ladung dient, ist ineffizient (5)Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, dass die Fliegenschnur zu Beginn des Stopps – wenn sich die Fliegenrute zu entladen beginnt – ihrer Endgeschwindigkeit nahekommt. Entscheidend für die Effizienz ist vielmehr, dass sich aufgrund der Rutenladung  die vom Werfer aufzuwendende Kraft über die Dauer des Wurfes günstig (“harmonisch”) verteilt und günstig in die Spitze übertragen wird – erheblich günstiger im Vergleich zu einer absolut steifen Fliegenrute (‘broomstick’) ! Heute können die Vorteile der Rutenladung, wozu auch die Steigerung der Effizienz (Nutzen / Aufwand) gehört, mit Modellberechnungen dargelegt werden (6).

Für eine weitere Optimierung des Wurfes ist der Geschwindigkeitsverlauf über dem Weg entscheidend: denn je gleichmäßiger die Geschwindigkeit bis zum Stopp zunimmt, desto mehr kann der Weg zur Ladung und damit zu einer möglichen Reduzierung des Aufwands beitragen. Es ist entscheidend, eine möglichst hohe Endgeschwindigkeit zu erreichen ! Dies setzt voraus, dass der Wurf mit einer möglichst geringen Startgeschwindigkeit begonnen wird (7).

Die Rutenladung ist ein wesentliches Element des Fliegenwurfes. Die Qualität der Rutenladung ist ein Maß für die Qualität des Wurfes (8). Mit der Rutenladung wie auch insbesondere der Biegung habe ich mich in “Experimentelle Untersuchungen zur Biegung der Fliegenrute” eingehend beschäftigt und ihre Bedeutung für die Effizienz des Fliegenwurfes dargelegt.

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Eine Quintessenz meiner Untersuchungen ist, dass die Fliegenrute nicht nur Energie zwischenspeichern kann (“Rutenladung”), sondern auch über die vom Biegeverlauf verursachten Umverteilungsprozesse des Drehimpulses zusätzlich Energie in die Rutenspitze übertragen kann. Darauf wird in dem folgenden Video eingegangen:



Eine sehr detaillierte Beschreibung des Umverteilungsprozesses beschreibt dieses englischsprachige Video

Der Arbeitssatz

Der Arbeitssatz lautet: A = K x W. Ausgesprochen „Arbeit ist das Produkt aus Kraft und Weg“. Dieses physikalische Gesetz ist für den Fliegenfischer von Bedeutung, weil es einen Zusammenhang zwischen dem Fliegenwurf und dem Arbeitssatz gibt.

Beim Werfen wird eine Arbeit an der Schnur geleistet. Umso größer die Arbeit ist, desto mehr kann sie zur Wurfweite beitragen. Da sich die Arbeit aus zwei Faktoren zusammensetzt, kann eine der Größe nach gleichbleibende Arbeit geleistet werden, wenn sich das Verhältnis beider Faktoren zueinander umgekehrt ändert. Das bedeutet: Eine Arbeit kann entweder auf kürzerem Weg mit mehr Kraft oder auf längerem Weg und mit weniger Kraft geleistet werden.

Auch die Schnurhand kann einen Weg leisten. Zieht die Schnurhand an der Schnur, wird noch mehr Weg eingebracht und damit noch mehr Arbeit geleistet. Voraussetzung dafür ist, dass der Zug der Schnurhand synchron zur Bewegung der Rutenspitze ausgeführt wird, also die Wege der Rutenspitze und der Schnurhand gleichzeitig geleistet werden. In diesem Falle addieren sich die Wege sozusagen, was zu einer Steigerung der Arbeit und damit der möglichen Wurfweite führt.

Der längere Weg ist eine wichtige Voraussetzung für die Minimierung des Krafteinsatzes, weil die Ladung der Rute langsamer und gleichmäßiger aufgebaut werden kann (9).

Die Schnur als Wurfgegenstand

Die Fliegenschnur als Wurfgegenstand besitzt eine besondere Eigenschaft: Sie entfernt sich vom Werfer durch eine Ausrollbewegung, wodurch sie im Verlauf des Wurfes ihre Form ändert. Auf diese Eigenschaft muss bei der Wurfmechanik besonders geachtet werden.

Je kürzer die Länge der Schnur ist, die geworfen werden soll, desto weniger Gewicht besitzt sie und desto weniger kann sie an der Rute ziehen und diese laden (10). Das Verlängern der kurzen Schnur gelingt deshalb nicht mit nur einer Bewegung in die Wurfrichtung, sondern nur mit einer Pendelbewegung. Die Schnur wird nach vorne und nach hinten geworfen, wodurch eine Schwingung erzeugt wird. Durch diese Schwingung entsteht bei richtiger Ausführung in der Schnur eine Zugkraft, so dass sich diese verlängern möchte.
Am Ende dieser Pendelbewegung steht immer ein möglichst abrupter Stopp der Fliegenrute in Richtung des Wurfzieles. Insbesondere die Ausrollbewegung der Schnur erfordert vom Werfer eine Art „Taktgefühl“. Mit der Wurfbewegung in die eine Richtung darf erst begonnen werden, wenn sich die Schnur in die andere Richtung ausgestreckt hat. Wird mit der Wurfbewegung in die eine Richtung schon begonnen, während die Schnur in der anderen Richtung noch nicht ausgestreckt ist, zieht die Fliegenrute nicht am vollen Gewicht der Schnur und wird dadurch ineffektiv geladen. Wird mit der Wurfbewegung hingegen zu spät begonnen, sinkt die Schnur zu Boden. Der Werfer muss also genau den Zeitpunkt der Schnurstreckung abwarten, um dann mit dem Wurf in die entgegengesetzte Richtung zu beginnen. Je länger die geworfenen Schnur, desto länger der Zeitpunkt bis zu ihrer Streckung. Dieser Zusammenhang wird „Timing“ genannt.


Die sich ausrollende Schnur kann man in drei Bereiche gliedern: a) die Oberschnur, b) die Schlaufe und c) die Unterschnur. Die Unterschnur ist bereits ausgerollt und besitzt keine bzw. eine langsamere Geschwindigkeit als die Oberschnur, die noch nicht ausgerollt ist. Die Schlaufe verbindet die Oberschnur mit der Unterschnur. Seit einer Veröffentlichung von N. C. Perkins ist mathematisch bewiesen, dass sich die Schlaufe immer abwärts ausrollen muss, um das optimale Ergebnis zu erhalten. Dies wird erreicht, wenn sich die Oberschnur (wie der Name schon sagt) im Bereich der Schlaufe über der Unterschnur befindet. Durch die abwärts gerichtete Ausrollbewegung entsteht an der Schlaufe eine aus der Mantelreibung resultierende Auftriebskraft, die mit dem Quadrat der Geschwindigkeit der Oberschnur zunimmt (11). Also: Auftriebskraft ~ Geschwindigkeit (Oberschnur)². Die Auftriebskraft wirkt der Gravitationskraft entgegen, wodurch die Schnur umso höher in der Luft verbleibt, desto schneller sich die Oberschnur über die vertikale Schlaufe ausrollt. Die Formel zeigt: je schneller die Oberschnur, desto größer die Auftriebskraft. Eine schnelle Oberschnur erreicht der Werfer aber nur durch eine kleine bzw. enge Schlaufe. Damit beweist die Formel indirekt auch den Vorteil einer engen Schlaufe, die ja unbestritten die effektivste Schlaufe ist.

Fliegenrutenhaltungen

Die Literatur unterscheidet im Wesentlichen folgende Haltungen der Fliegenrute:

  1. die Daumenhaltung,
  2. die Zeigefingerhaltung und
  3. die Daumen-Zeigefingerhaltung.

Alle Fliegenrutenhaltungen haben ihre Vor- und Nachteile. Bei der Daumenhaltung liegt der Daumen oben am Rutengriff an. Dieser kann im Vergleich zu den anderen Fliegenrutenhaltungen den meisten Druck auf die Fliegenrute beim Vorwärtswurf ausüben. Ansonsten besitzt die Daumenhaltung nur Nachteile, auf die ich gleich näher eingehen werde.

Mit der Zeigefingerhaltung kann beim Vorwärtswurf nicht so viel Kraft auf die Fliegenrute aufgebracht werden, was als einziger Nachteil dieser Fliegenrutenhaltung anzusehen ist. Ansonsten besitzt die Zeigefingerhaltung nur Vorteile. Die Fliegenrute kann sehr gut an der Körperachse vorbei geführt werden, ohne dass sie sich verdreht / verkantet. Damit ermöglicht diese Fliegenrutenhaltung einen größeren Weg der Rutenspitze. Die Zielgenauigkeit der Zeigefingerhaltung ist unübertroffen.

Die Daumen-Zeigefingerhaltung verbindet die Vorteile beider erstgenannten Fliegenrutenhaltungen miteinander. Bei dieser Fliegenrutenhaltung liegt der Daumen zusammen mit dem Zeigefinger oben auf dem Rutengriff.

Nicht vergessen werden darf die Greifhaltung. Sie ist ähnlich der Daumenhaltung allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Daumen seitlich um ca. 90 Grad gedreht am Griff anliegt. Die Kraftübertragung auf den Griff kommt beim Vorwärtswurf aus der Wurzel des Zeigefingers.

Die beste Fliegenrutenhaltung ist für mich die, welche mir in der jeweiligen Situation die größte Schnurkontrolle ermöglicht. Bei leichtem Gerät (bis ca. Klasse 4) ist es die Zeigefingerhaltung, bei mittlerem Gerät (bis ca. Klasse 6) die Daumen- Zeigefingerhaltung und bei schwerem Gerät (ab ca. Klasse 7) die Greifhaltung. Die Daumenhaltung benutze ich aus folgenden Gründen nicht (mehr):

  1. Bei der Daumenhaltung bildet das Handgelenk eine große Fehlerquelle, weil es im Gegensatz zu den anderen Armgelenken die größte Bewegungsfreiheit besitzt. Diese Bewegungsfreiheit kann sich negativ auf die kontrollierte Rutenführung und damit auf die Schnurkontrolle auswirken.
  2. Die Bewegung der Fliegenrute muss vorwiegend vor und nahe am Körper ausgeführt werden. Wollte der Daumenwerfer die Fliegenrute an der Körperachse vorbeiführen – was übrigens mit den anderen Rutenhaltungen gut geht – müsste er die Rute verdrehen / verkanten. Diese Verdrehung führt aber immer zu einer horizontalen Abweichung der Rutenspitze von der geraden Bahn, wodurch sich die Schnurschlaufe öffnet.

Aus den vorgenannten Gründen muss der Daumenwerfer die Fliegenrute auf kürzerem Arbeitsweg laden, weshalb er gemäß Arbeitssatz mehr Kraft einsetzen muss. Es gibt viele erstklassige Daumenwerfer – jedoch erschwert diese Haltung manche werferische Möglichkeit.

Wurffehler

Es gibt also im Wesentlichen zwei physikalische Größen, die der Fliegenwerfer beeinflussen kann: die Geometrie und die Dynamik. Spielen diese beiden physikalischen Größen nicht richtig zusammen oder werden für sich genommen falsch eingesetzt, kommt es zwangsläufig zu Wurffehlern.

Wurffehler gibt es viele. Ed Jaworowski hat in seinem Buch „Troubleshooting The Cast“ über 30 Wurffehler aufgezeigt. Bei genauerer Betrachtung wird allerdings klar, dass alle diese Fehler auf einer falschen Anwendung von nur diesen beiden physikalischen Größen herrühren: entweder die Rutenspitze fährt einen falschen Weg oder die Fliegenrute wird falsch geladen.

Alle Fehler werden vom Schlaufenbild angezeigt. Bei Fehlern der Geometrie besitzt die Schnur beim Wurf meist eine wellenfreie Form, jedoch ist die Schlaufenform nicht optimal. In den meisten Fällen ist die Schlaufe zu groß bzw. zu offen, was darauf hindeutet, dass sich die Rutenspitze beim Wurf – sowohl aus der vertikalen als auch aus horizontaler Betrachtung – nicht auf einer geraden Bahn befindet.

Ausbauchungen, Wellen oder Tailing Loops (12) in der Schnur deuten meist auf einen Fehler der Dynamik hin. Die Fliegenrute wird dann nicht optimal über den Arbeitsweg geladen. Oft gibt der Werfer in diesem Fall zu früh oder zu plötzlich Druck auf die Fliegenrute, sodass die Rutenladung über den weiteren Arbeitsweg nicht mehr gesteigert und ihr gleichmäßiger Aufbau bis zum Stopp nicht hergestellt werden kann. Dabei ist gerade wesentlich, dass die Rutenladung über den Arbeitsweg bis zum Stopp möglichst gleichmäßig gesteigert wird. Nur so werden Fehler in der Dynamik vermieden.

Die Schnurhand

Die Bedeutung der Schnurhand kann nicht groß genug eingeschätzt werden. Der richtige Einsatz der Schnurhand vermeidet dynamische Wurffehler und erhöht die Effizienz des Wurfes (siehe auch Abschnitt „Der Arbeitssatz“).

Beim Normalwurf hat die Schnurhand die Aufgabe, den Abstand zum Leitring konstant zu halten. Dadurch trägt sie keine Arbeit bei, nur die Bewegung der Rutenhand sorgt für die Ladung der Fliegenrute. Vergrößert sich während des Wurfes der Abstand zwischen der Schnurhand und dem Leitring sowohl beim Rück- als auch beim Vorwärtswurf, so hat der Werfer einen Doppelzug ausgeführt. Der Doppelzug bewirkt eine enorme Steigerung der Rutenladung. Diese Rutenladung aus der Schnurhand erhöht die Rutenladung, welche allein aus der Bewegung mit der Rutenhand erzeugt wird, erheblich. Voraussetzung dafür ist einzig, dass der Zug mit der Schnurhand zum richtigen Zeitpunkt kommt. Es lässt sich sagen, dass sich in diesem Fall die Ladungen beider Bewegungen in der Fliegenrute addieren. Dadurch wird mehr Arbeit an der Schnur geleistet, wodurch diese weiter geworfen werden kann.

Und nun der Bewegungsablauf des Fliegenwurfes

Aus dem Vorgenannten ergibt sich, dass ein „perfekter“ Fliegenwurf ausgeführt wird, wenn a) die Rutenspitze über den gesamten Arbeitsweg eine gerade Bahn beschreibt und b) die Rutenladung bis zum Stopp gesteigert wird. Die Bewegungen des Fliegenwurfes haben sich dieser Erkenntnis anzupassen. Auf eine genauere Beschreibung des Bewegungsablaufes möchte ich an dieser Stelle verzichten, er ist oft genug beschrieben worden.

Auf einen wichtigen Aspekt beim Bewegungsablauf möchte ich jedoch noch eingehen. Dazu schauen wir zunächst auf einen Werfer, der die Daumenhaltung benutzt. Dieser arbeitet mit der Fliegenrute zwangsläufig vor und näher am Körper, was zur Folge hat, dass er die Fliegenruten fast ausschließlich mit einer Rotationsbewegung laden muss (ähnlich wie beim Zweihandgerät). Der Drehpunkt (13) dieser Bewegung liegt relativ hoch, so in etwa auf der Höhe des Handgelenks. Ein hoher Drehpunkt bedeutet, dass der Weg der Rutenspitze relativ klein gehalten werden muss, damit diese eine möglichst gerade Bahn fahren kann, und dass der Arbeitswinkel schnell, das heißt sofort zu Beginn des Wurfes geändert werden muss, um genügend Ladung aufzubauen. Nun betrachten wir einen Werfer, der die Zeigefinger-, Daumen-Zeigefinger oder Greifhaltung benutzt. Er wird die Fliegenrute bequem an der Körperachse vorbeiführen und damit einen längeren Weg fahren können, ohne dass der Arbeitswinkel schon zu Beginn der Wurfbewegung geändert werden muss. Die Rotationsbewegung, welche die größte Geschwindigkeitszunahme bringt, wird er bis kurz vor dem Stopp verzögern und den Wurf ohne oder nur mit einer sehr kleinen Rotationsbewegung beginnen können („late butt rotation“). Dadurch kann er den Wurf langsam und beginnen bis zum Stopp die Geschwindigkeit erhöhen. Der Drehpunkt liegt dann bei ihm merklich tiefer als beim Werfer mit der Daumenhaltung, was auf einen längeren Arbeitsweg bei klein gehaltenen Arbeitswinkel hinweist. Dadurch kann die Ladung der Fliegenrute sanfter, d.h. gleichmäßiger und kraftminimiert erfolgen.

Je höher also der Drehpunkt bei gleichbleibendem Arbeitswinkel des Wurfes liegt, umso kleiner wird der Anteil des geraden Weges, den die Rutenspitze fahren kann. Je kleiner der gerade Weg, umso mehr Kraft muss in den Wurf gelegt und desto früher und intensiver muss der Doppelzug bei zunehmender Schnurlänge eingesetzt werden. Ein tiefer liegender Drehpunkt bringt hingegen den Vorteil eines längeren Arbeitsweges bei kleinem Arbeitswinkel.

Ein Werfer mit einem tiefer liegenden Drehpunkt verwendet zwar einen komplexeren Bewegungsablauf des Rutenarms, der in erster Linie aus dem Zusammenspiel von Schultergelenk und Ellenbogen besteht und bei welchem das Handgelenk so gut wie keine Rolle spielt. Doch er wird deshalb mit einem kraftreduzierten (siehe Arbeitssatz) und flexibel einsetzbaren Wurf belohnt. Die Bedeutung des Drehpunktes habe ich in “Experimentelle Untersuchungen zur Biegung der Fliegenrute” unter dem Abschnitt “Translationsbewegung” dargelegt.

Effizienz der Fliegenrute ausnutzen

Die Effizienz einer Fliegenrute (vergleichbar mit dem Wirkungsgrad von Maschinen) ergibt sich aus dem Verhältnis von Nutzen zu Aufwand. Die flexible Fliegenrute kann entscheidend dazu beitragen, dass die in den Griff eingegebene Energie besser in ihre Spitze übertragen wird, was zu einer deutliche Zunahme der Effizienz führt. Sie hängt maßgeblich vom Verlauf ihrer Biegung ab. In den folgenden Videos zeige ich den Effekt der Drehimpulserhaltung bzw. der Umverteilung des Drehimpulses sowie der Massenträgheit der Fliegenrute. Diese Effekte haben einen zusätzlichen positiven Einfluss auf die Effizienz.

Weiteren interessante Videos über den Fliegenwurf sind auf meinem Vimeo- Kanal zu sehen

Wann ist der Wurf denn „perfekt“ ?

Aus meiner Sicht kommt derjenige Werfer dem „perfekten“ Wurf nahe, der

mit minimalem Kraftaufwand die Schnur in jeder Situation kontrolliert.

Da es viele unterschiedliche Situationen am Fischwasser gibt, ist ein möglichst flexibel einsetzbarer Wurfstil von Vorteil, weil er sich den geometrischen und dynamischen Anforderungen des Fliegenwurfes besser anpassen kann. Gute Werfer arbeiten mit der Fliegenrute und der Schnurhand immer auf einem richtigen Weg in Verbindung mit einer optimalen Geschwindigkeitszunahme / Beschleunigung.

Ein solcher Werfer verwendet tendenziell einen Bewegungsablauf, mit dem die Rutenhand (auch) an der Körperachse vorbeigeführt werden kann. Er wird ebenso Gefallen an weicheren Fliegenruten finden, weil er sich ihren Vorgaben hinsichtlich eines sanfteren Ladungsaufbaus gut anpassen kann. Er wird schnell lernen, auch rückwärts abzulegen, wenn der Wind mal auf der Rutenhandseite steht. Er wird den Arbeitsweg der Wurfweite anpassen können, was ein ermüdungsfreies Werfen über Stunden ermöglicht. Kurz: Dieser Werfer besitzt die bestmöglichen Voraussetzungen, die Kontrolle über die Schnur zu optimieren und befindet sich damit auf den Weg zum „perfekten“ Fliegenwurf.

Zum Schluss

Ich hoffe, dass der ambitionierte Fliegenwerfer in meinen kurzen Abriss einige Anregungen finden kann, die es ihm ermöglichen, an seiner Technik zu arbeiten. Wer noch tiefer in die spannenden Zusammenhänge des Fliegenwurfes einsteigen möchte, findet unter issuu und scribd noch einige Aufsätze von mir.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, dass Ihr stets mit kleinstem Aufwand eine optimale Schlaufe werfen möget.

________________________

(1) Genau genommen besitzt der den Wurfgegenstand beschleunigende Teil des Wurfgerätes die selbe Geschwindigkeit. Im Falle der Fliegenrute ist das die Rutenspitze.

(2) Bei machen Wurfsportarten, wo es weniger auf Präzision ankommt, wird mit einer Drehbewegung beschleunigt – doch nicht ohne Grund landet der Diskus oder der Hammer öfters außerhalb des Feldes.

(3) Ladung ist gleichbedeutend mit Rutenladung

(4) Hierbei wird unterstellt, dass sich Rute und Schnur in einem Winkel zueinander befinden. Die Fliegenrute biegt sich auch aus anderen Gründen durch, allein die Beschleunigung ihrer Masse bewirkt ebenfalls eine Biegung.

(5) Ein runder (konvexer) Weg der Rutenspitze steigert die Rutenladung wesentlich schlechter als der direkte, gerade Weg mit gleicher Länge. Auch diese Betrachtung erklärt, warum der runde Weg – abgesehen davon, dass er nicht zielgerichtet ist – nicht optimal sein kann. Auch ergab die Ablaufanalyse einer Wurfdemonstration zur Endgeschwindigkeit von H.R. Hebeisen auf der Wiese, dass er die Beschleunigung der Wurfschnur UND die Rutenladung bis zum Beginn der Entladung steigert. Wird das Schnurende zusätzlich zu Beginn des Wurfes noch leicht festgehalten, ist die Effizienz des Wurfes noch größer – da sich offensichtlich die Ladung der Rute dadurch noch weiter steigern lässt. Eine Analyse meines eigenen Wurfes bestätigt die Ergebnisse.

(6) Das eindimensionale Modell eines “harmonisch getriebenen Oszillators (Simple Harmonic Oszillator – SHO)” berechnet bei konstanter Winkelbeschleunigung für eine flexible Fliegenrute eine 1,34 -fach höhere Effizienz im Vergleich zu einer starren Fliegenrute. Für eine zunehmende Winkelbeschleunigung ergibt sich ein noch deutlich höherer Effizienzunterschied ! Da dieses Modell im Wesentlichen die Effekte aus der Zwischenspeicherung potentieller Energie berücksichtigt (da es eine Massekugel über eine Feder zum Schwingen anregt), führt schon allein diese sich aus dem Wurf heraus ergebende Zwischenspeicherung der Energie zu einer deutlichen Steigerung der Effizienz. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse meiner Arbeit “Experimentelle Untersuchungen zur Biegung der Fliegenrute” auf, dass der Biegeverlauf der Fliegenrute Umverteilungsprozesse (aus dem Drehimpuls und dem Trägheitsmoment kommend) erzeugen kann, welche die Effizienz noch steigern können.

(7) Je Schneller der Wurf begonnen wird, desto schwerer wird es die Geschwindigkeit zu steigern.

(8) Henrik Mortensen empfiehlt in seinem Buch “Fliegenfischen – der perfekte Wurf im skandinavischen Wurfstil”, die Rute stark und tief zu laden. Er erreicht dies durch eine Ziehbewegung. Somit sieht auch er einen direkten Zusammenhang zwischen der Rutenladung und der Effizienz des Fliegenwurfes.

(9) Die andere wichtige Voraussetzung für die Minimierung der Kraft ist der richtige Geschwindigkeitsverlauf, wie er im Abschnitt „Die Rutenladung“ beschrieben wurde.

(10) Erst wenn eine Schnurlänge von gut 9 Metern geworfen wird, besitzt die Schnur das ihr über die Schnurklasse zugeteilte Gewicht.

(11) Auch andere Faktoren, wie beispielsweise ein geringer Schnurdurchmesser, erhöhen die Auftriebskraft. Die Geschwindigkeit der Oberschnur bleibt jedoch der entscheidende Faktor für die Größe der Auftriebskraft.

(132 Auch „Birne“ oder „Sauschwanz“ (Roman Moser) genannt.

(13) Der Drehpunkt entspricht dem Schnittpunkt der beiden Rutenachsen, welche die Rute in den Stopppositionen beim Vorwärts- und Rückwurf einnimmt.

 

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