Archive for the ‘Kolumnen’ Category

Rollwurf gehackt oder gezogen

Dienstag, Dezember 28th, 2010

Der Unterschied der einzelnen Wurstile wird auch in der Lehre und Ausführung des Rollwurfs deutlich. Diesen “halbe Wurf” bekam ich von mehreren Fliegenwurfinstruktoren in sehr unterschiedlicher Art und Weise gezeigt. Den größten Unterschied sah ich in meinen Wurfkursen bei Lasse Karlsson und Uwe Rieder.

Lasse verglich den Bewegungsablauf des Rollwurfes mit dem eines Hackebeils: die Rutenhand soll den Griff der Rute wie ein Hackebeil mit dem Daumen oben auf dem Schaft anfassen. In der Ausgangsposition befindet sich die Rutenhand neben dem Kopf. Die Rutenhand wird dann mit einer ruckartigen und kurzen Bewegung zugleich nach vorne und unten geschlagen, als ob sie ein Holzstück spalten wolle. Die Rute lädt sich durch diese Bewegung schnell auf und setzt den Rollwurf nach kurzem Weg ab.

Uwe verglich den Bewegungsablauf des Rollwurfes mit dem eines Wurfgegenstandes (z.B. Speer oder Ball): er streckt die Rutenhand sehr weit nach hinten, so dass auch seine Ausgangsposition für den Rollwurf sehr weit hinten liegt. Die Rute wird zu Beginn des Rollwurfes ohne Änderung des Arbeitswinkels zum Oberkörper hin gezogen. Der Oberkörper nimmt diese Bewegung auf und führt sie in der Wurfrichtung weiter fort, bis die Bewegung schließlich über die Schulter in den Oberarm und in die Rutenhand kommt.  Erst wenn die Körperbewegung die ziehende Bewegung nicht mehr weiter nach vorne zulässt,  wird der Arbeitswinkel geändert und der Rollwurf abgesetzt. Uwe hält die Rute auch bei längeren Rollwürfen mit der Zeigefingerhaltung.

Beide Arten des Rollwurfes haben Ihre Berechtigung. Wenn dem Werfer hinten nur wenig Platz zur Verfügung steht, muss der Rollwurf zwangsläufig auf kurzem Wege ausgeführt und mehr Kraft in die Bewegung gelegt werden. Bei mehr Rückraum hingegen kann der längere Weg helfen, einen effektiven Rollwurf auszuführen.

Lefty Kreh und Longer Fly Casting

Sonntag, Dezember 19th, 2010

Bill und Jay Gammel gelten als Begründer der 5 Prinzipen des Fliegenwerfens, die u.a. von Ed Jaworowski in seinem Buch “Troubleshooting the Cast” aufgenommen wurden. Als ich vor einem Jahr das aktuellste Werk von Lefty “Longer Fly Casting” las, fiel mir ein weiteres Prinzip auf, welches so zuvor noch nicht formuliert wurde und das Lefty für den weiten Fliegenwurf postuliert:

You cannot move your rod hand well behind the body if you begin the cast with the thumb positioned on the top of the rod. You must grip the rod in the normal manner and then rotate your thumb about forty-five degrees away from the body“.

Lefty ist sich darüber bewusst, dass die auch von ihm bevorzugte Daumenhaltung der Fliegenrute die Länge des Wurfweges einschränkt, was für den weiten Fliegenwurf von Nachteil sein kann (siehe auch Abschnitt ‘Fliegenrutenhaltungen‘). Er löst diesen Nachteil im “Handumdrehen”: der Werfer soll den Daumen zu Beginn des Rückwurfs nach aussen drehen, so dass der Rückwurf als Sitecast ausgeführt wird und damit ein längerer Wurfweg gefahren werden kann, ohne dass die Rutenspitze eindreht bzw. die Rutenhand verkantet. Zu Beginn des Vorwärtswurfs empfiehlt Lefty die Rute wieder vertikal aufzustellen, so dass der Daumen oben auf dem Rutengriff aufliegt.

Lefty ist für mich ein wirklich guter und erfahrenen amerikanischer Wurflehrer unserer Zeit und die Prinzipien des Fliegenwerfens halte ich für sehr anschaulich und zutreffend. Bemerkenswert finde ich, dass Lefty in seinen Buch “Longer Fly Casting” auch unmissverständlich aufzeigt, dass die (gerade von vielen Amerikanern bevorzugte) Daumenhaltung nicht optimal ist, wenn ein längerer Wurfweg gefahren werden soll. Mit der Greifhaltung (wie auch mit der Zeigefinger oder Daumenzeigefingerhaltung) beispielsweise kann auf den ‘Trick’ mit dem Sitecast beim Rückwurf verzichtet werden.

Rundpinsel und Dynamik des Fliegenwurfes

Montag, November 29th, 2010

Im Fliegenfischerforum verfolgte ich vor einiger Zeit eine Diskussion darüber, wie das Fliegenwerfen am besten gelehrt werden könne. Dabei fiel mir ein Beitrag auf, der sich speziell damit befasste, die Funktionsweise der Dynamik des Fliegenwurfs zu verdeutlichen. Dass sich die Geschwindigkeit der Rutenspitze bis zum Stopp steigern muss, ist schnell erklärt und wird auch schnell verstanden – jedoch kann sehr häufig der dafür erforderliche richtige Bewegungsablauf nicht umgesetzt werden. In den meisten Fällen beschleunigen die Wurfschüler viel zu ruckartig und zu früh, anstelle den Fliegenwurf langsam zu beginnen und die Geschwindigkeit bis zum Stopp zu steigern (s. auch Beitrag „Endgeschwindigkeit“).

Der Beitrag benutzte zur Verdeutlichung der Dynamik des Fliegenwurfs einen Rundpinsel, dessen Borsten mit Farbe getränkt sind. Der Pinsel soll nun so bewegt werden, dass die gesamte Farbe auf eine Wand geworfen wird. Es leuchtet ein: wird die Geschwindigkeit des Pinsels zu schnell oder ruckartig gesteigert, verlässt ein Großteil der Farbe die Borsten bereits während der Bewegung. Auf die Wand trifft dann, wenn überhaupt, nur ein Teil der Farbe. Wird hingegen die Bewegung des Pinsels langsam und gleichmäßig gesteigert und am Ende abrupt abgestoppt, dann verbleibt die Farbe bis zum Stopp in den Borsten des Rundpinsels. Die Farbe trennt sich erst vollständig beim Stopp von den Borsten und fliegt an die Wand. Dieser Vergleich verdeutlicht aus meiner Sicht die Dynamik des Fliegenwurfes gut.

Die Endgeschwindigkeit

Mittwoch, November 24th, 2010

Hans- Ruedi Hebeisen demonstriert in seinen Kursen eindrucksvoll die Bedeutung der Endbeschleunigung wie folgt: rund zwanzig Meter Fliegenschnur legt er gestreckt hinter sich auf die Wiese. Die Rute liegt weit hinten in der Ausgangsposition. Dann beginnt er den Vorwärtswurf mit einer sehr langsamen Zeitlupenbewegung. Erst wenn etwa die hälfte des Wurfweges (Arbeitsweges) in diesem langsamen Tempo absolviert ist, beschleunigt er die Rute bei gleichzeitigem impulsivem Zug der Schnurhand stark – und die gesamte Schnur inklusive Nachschnur fliegt mühelos heraus ! Damit wird deutlich, dass es nur auf die Endgeschwindigkeit beim Wurf ankommt. Oft wird die Kraft viel zu früh zu Beginn des Wurfes eingesetzt. Wird hingegen über einen längeren Arbeitsweg langsam begonnen und erst am Ende  stark beschleunigt – so zeigt es HRH mit der Demonstration seines “Wiesenwurfes” – wird letztendlich der Krafteinsatz bei optimaler Wurfleistung minimiert.

 

Die weiche Fliegenrute trennt die Spreu vom Weizen

Mittwoch, November 24th, 2010

Es war Ende 2007, als ich bei Uwe Rieder einen Privatkurs absolvierte. Nachdem ich ihm meine Art zu werfen gezeigt hatte meinte er sofort, dass er Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen könnte, wenn ich mit einer weicheren Ruten und ohne Doppelzug werfen würde. Natürlich willigte ich ein. Er besorgte daraufhin nicht nur eine weiche, sondern gleich eine ultraweiche Rute von Vision (ich glaube, sie hörte auf den Namen „Mirage“ – ob ihrer Weichheit ein echter Ladenhüter).

Diese Rute war so weich, dass die Rutenspitze fast bis zum Griffende gebogen werden konnte (“Griff- Aktion” !)… meine ersten Würfe mit dieser Rute waren dann auch sehr bescheiden, da meine Wurfmotorik auf wesentlich schnellere Ruten geeicht war. Doch nach einiger Zeit konnte ich mich auf diese weiche Rute einstellen, indem ich den Arbeitsweg erheblich verlängerte. Durch den längeren Arbeitsweg konnte die Rutenladung so kontinuierlich aufgebaut werden, wie es eine solche ultraweiche Rute dem Werfer vorschreibt und meine Würfe wurden besser und besser. Mein Art zu werfen, die den Handgelenkeinsatz extrem minimiert, half mir bei dieser Übung sehr. Übrigens benutzt auch Uwe – wie auch einige andere Spitzenwerfer der Szene – ebenfalls das Handgelenk so gut wie nicht.

Uwe prägte dann bei mir noch einen Satz, der sinngemäß lautete: „Tobias, es gibt viele gute Werfer, die massive Schwierigkeiten bekommen, wenn sie eine lange Schnur mit weicher Rute werfen sollen. Die weiche Rute zeigt, wer wirklich gut werfen kann. Die weiche Rute trennt die Spreu vom Weizen“. Wieder in Berlin schnappte ich sogleich meine weichste Fliegenrute (die ich vor dem Kurs bei Uwe noch verkaufen wollte) und übte mit ihr ein Jahr lang regelmäßig. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Training mit der weichen Fliegenrute meiner Wurfmotorik sehr geholfen hat…